Digitale Lebenswelten bei der Vorsynode und im Lehramt der Kirche

Zwei konkrete Vorschläge, wie die Kirche sich zu digitalen Lebenswelten positionieren sollte, machen die Teilnehmer*innen der Jugend‐Vorsynode in ihrem Abschlussdokument, das am 24. März 2018 auf Facebook veröffentlicht wurde:

Delegierte der Vorsynode
Delegierte der Vorsynode Quelle: Flickr, Dikasterium für Laien, Familie und Leben

Erstens sollte die Kirche, indem sie in einen Dialog mit jungen Menschen eintritt, ihr Verständnis von Technik vertiefen, um uns dabei zu helfen, bei ihrer Nutzung Unterscheidungen zu treffen.
Darüberhinaus sollte die Kirche Technik – besonders das Internet – als fruchtbaren Grund für die Neuevangelisierung sehen. Die Ergebnisse dieser Reflexionen sollten in einem offiziellen kirchlichen Dokument festgeschrieben werden.
Zweitens sollte sich die Kirche zu der umgreifenden Krise der Pornographie äußern, inklusive des Kindesmissbrauchs, ebenso wie zu Cyber‐Bullying und dessen Auswirkungen auf unsere Menschlichkeit.“ (eigene Übersetzung)

Wie sind diese Forderungen einzuordnen? Und was sagt die Kirche jetzt schon zu diesen Themen?

Die Forderungen schließen den Abschnitt über „Verhältnis zur Technik“ („Relationship with Technology“) ab. Große Überraschungen stehen darin nicht; stattdessen knüpft der Abschnitt ziemlich genau an dem an, was kirchliche Dokumente üblicherweise über digitale Lebenswelten zu sagen haben: Es gibt einen Dualismus – große Chancen, aber auch Risiken. Fortschritt hat das Leben verbessert, es kommt auf die Anwendung an. Technik knüpft Netze, kann aber auch Vereinzelung befeuern. Soziale Medien schaffen Verbindungen, Wissen ist universell verfügbar. Das Netz birgt die Gefahr, Laster zu begünstigen: Isolation, Faulheit, Verzweiflung, Langeweile. Filterblasen drohen sich zu bilden. Und während zunächst die Chancen benannt werden, geht es dann die nächsten Absätze vor allem um Gefahren, Risiken und Pornographie: „Technik kann für die menschliche Würde nachteilig sein, wenn sie nicht bewusst und vorsichtig eingesetzt wird, und wenn die Menschenwürde nicht im Mittelpunkt steht.“

Papst Franziskus spricht zur Vorsynode
Papst Franziskus spricht zur Vorsynode Quelle: Flickr, Dikasterium für Laien, Familie und Leben

Mit dieser Einschätzung sind die Jugenddelegierten ziemlich genau auf der Linie von Papst Franziskus: Auch er äußert sich immer wieder in diesem Sinn, so etwa in seiner Enzyklika „Laudato si“ (2015). In Nr. 47 sieht er „die Tendenz, die realen Beziehungen zu den anderen mit allen Herausforderungen, die sie beinhalten, durch eine Art von Kommunikation zu ersetzen, die per Internet vermittelt wird“. Auch im nachsynodalen Schreiben „Amoris Laetitia“ (2016) tauchen Motive auf, die die Vorsynode problematisiert: Verrohung durch Pornographie (Nr. 41), Symptome einer „Kultur des Provisorischen“ (Nr. 39), es werden Wegwerfkultur, Oberflächlichkeit und die „Hast der Technik“ (Nr. 275) beklagt: „Es geht nicht darum, den Kindern zu verbieten, mit den elektronischen Geräten zu spielen, sondern darum, die Form zu finden, um in ihnen die Fähigkeit zu erzeugen, die verschiedenen Denkweisen zu unterscheiden und nicht die digitale Geschwindigkeit auf sämtliche Lebensbereiche zu übertragen.“ Im ersten großen Dokument des Pontifikats von Franziskus, der apostolischen Exhortation Evangelii Gaudium, taucht Digitales nur am Rande auf – dafür aber ungewöhnlich positiv (Nr. 87): „Auf diese Weise werden sich die größeren Möglichkeiten der Kommunikation als größere Möglichkeiten der Begegnung und der Solidarität zwischen allen erweisen.“ Im jüngsten Schreiben, der apostolischen Exhortation Gaudete et exsultate (2018), geht es darum, wie normale Christ*innen nach Heiligkeit streben können. Social Media gehört eher nicht dazu: „Alle, besonders die jungen Menschen, sind einem ständigen Zapping ausgesetzt. Man kann auf zwei oder drei Bildschirmen gleichzeitig navigieren und zugleich auf verschiedenen virtuellen Ebenen interagieren“ (Nr. 167), heißt es da, und „der Konsum oberflächlicher Nachrichten und die Formen schneller virtueller Kommunikation können ein Faktor von Verblödung sein“ (Nr. 108). (Klingt in dieser erstaunlich flapsigen Formulierung vielleicht Kardinal Reinhard Marx nach, der vor einigen Jahren recht plakativ davon sprach, dass „Verbloggung“ manchmal zu „Verblödung“ führt?) Franziskus problematisiert (das war auch der Kontext des angesprochenen Marx‐Zitats) zudem Hass und Verrohung, auch in katholischen Medien, und erklärt das damit, dass online „Dinge gesagt werden, die im öffentlichen Leben nicht tolerierbar wären, und man versucht, im wütenden Abladen von Rachegelüsten die eigene Unzufriedenheit zu kompensieren“ (Nr. 115).

Die jüngeren Botschaften zum Welttag der sozialen Kommunikationsmittel greifen ähnliche Motive auf wie die großen Schreiben von Franziskus’ Pontifikat, wenn es etwa um Familie und Barmherzigkeit geht: Durchaus eine Würdigung der Möglichkeiten, aber nie ohne auf den Zwiespältigen Charakter aufmerksam zu machen.

Insofern ist zumindest die zweite Forderung der Vorsynode eigentlich schon erfüllt: An kirchlichen Problemanzeigen mangelt es nicht; auch die konkreten Probleme des Kinderschutzes und der Pornographie werden in vielfältiger Weise, nicht zuletzt (trotz einiger Probleme) durch die Päpstliche Kommission für den Schutz von Minderjährigen.

Wie steht es um die erste Forderung? Die Jugenddelegierten wollen eine Äußerung des Lehramts zu digitalen Lebenswelten, auch mit Blick auf die Neuevangelisierung. In der Tat hat sich gerade das Pontifikat von Franziskus bisher nicht durch entsprechende Äußerungen hervorgetan – selbst die schon angesprochenen Botschaften zum Welttag der sozialen Kommunikationsmittel waren unter ihm bisher eher in pastoralem Predigtton gehalten als eine Weiterentwicklung der Lehre der Kirche über die Sozialen Kommunikationsmittel (wie es im Jargon der Soziallehre heißt), am konkretesten war noch die jüngste zum Thema Fake News (dort wird auch das vorgeschlagen, was die Vorsynode einfordert: Haltung und „Unterscheidung der Geister“; dieses Blog berichtete).

Und trotzdem gibt es ein entsprechendes Dokument schon – und zwar deutlich länger, als man erwarten würde: Bereits während des Pontifikats von Johannes Paul II., im Jahr 2002, veröffentlichte der Päpstliche Rat für die sozialen Kommunikationsmittel zwei wegweisende Papiere: „Kirche und Internet“ entwirft auf der Grundlage der Medien‐ und Evangelisierungstheologie des Zweiten Vatikanischen Konzils eine positive Agenda für die Kirche im Netz:

Das Internet hat für viele Aktivitäten und Programme der Kirche eine Bedeutung — Evangelisierung, die beides einschließt, die Re‐Evangelisierung und die Neu‐Evangelisierung, die traditionelle Missionsarbeit ad gentes, Katechese und andere Arten der Erziehung, Nachrichten und Information, Apologetik, Leitung und Verwaltung und einige Formen der pastoralen Begleitung und der geistlichen Leitung. Auch wenn die virtuelle Realität des »Cyberspace« die wirkliche interpersonale Gemeinschaft, die Realität der Sakramente und der Liturgie oder die unmittelbare und direkte Verkündigung des Evangeliums nicht ersetzen kann, kann es sie doch ergänzen und die Menschen dazu einladen, eine tiefere Erfahrung des Glaubenslebens zu machen und auch das religiöse Leben der Benutzer bereichern. Es stellt der Kirche auch ein Mittel zur Kommunikation mit bestimmten Gruppen zur Verfügung — Jugendliche und junge Erwachsene, ältere und an das Haus gebundene Menschen, Personen, die in abgelegenen Gegenden wohnen, Mitglieder anderer religiöser Gemeinschaften —, die anders schwer erreichbar wären.“ (Nr. 5)

Im zweiten Dokument, Ethik im Internet, besinnt sich die Kirche auf eine ihrer Kernkompetenzen: Hilfe bei der moralischen Unterscheidung – aber auch hier wieder nicht pessimistisch, sondern realistisch und mit dem Fokus darauf, Teilhabegerechtikeit und Medienmündigkeit zu schaffen. (Eine ausführliche Würdigung der beiden Dokumente habe ich vor einigen Jahren in meinem Blog veröffentlicht.

Die 2002 erschienenen Papiere können natürlich auch nur den Stand kurz nach der Jahrtausendwende reflektieren, vor Facebook und Twitter, sogar bevor yesterday’s buzzword „Web 2.0“ überhaupt geprägt war. Das Feld der sozialen Netzwerke ergänzt daher erst Papst Benedikt XVI. 2013 mit der Botschaft zum 47. Welttag der sozialen Kommunikationsmittel (eines der letzten Dokumente seines Pontifikats): „Soziale Netzwerke: Portale der Wahrheit und des Glaubens; neue Räume der Evangelisierung“ ist der etwas sperrige Titel. Hier wird auch deutlich der digitale Dualismus überwunden, der so viele (auch neuere) Äußerungen der Kirche prägt:

Die networks werden so immer mehr Teil eben jenes Gewebes, aus dem die Gesellschaft besteht, insofern sie die Menschen auf der Grundlage dieser fundamentalen Bedürfnisse zusammenbringen. Die sozialen Netzwerke werden also von Wünschen genährt, die im Herzen des Menschen ihre Wurzel haben.“

Nicht von Ungefähr wird gerade diese Mediensonntagsbotschaft immer noch regelmäßig zitiert, während die eher klassisch‐kirchlichen Botschaften von Franziskus relativ schnell abgeheftet werden. (Eine These – ist sie böswillig, ist sie realistisch? – ist: Papst Franziskus bringt mehr seiner eigenen Ansichten in die Botschaften ein, während Papst Benedikt seine Fachleute machen ließ – ein wichtiger Ghostwriter war damals Paul Tighe, der immer wieder als vatikanischer Netz‐Pionier in Erscheinung tritt.)

Beide Forderungen der Vorsynode sind also, streng genommen, schon erfüllt – aber das zeigt vielleicht auch, dass digitale Lebenswelten immer noch (auch bei kirchlich engagierten Jugendlichen) eher Neuland sind (zumindest, was die Reflexion angeht) als Querschnittsthema, und dass vielleicht gerade doch das eine plakative lehramtliche Dokument hilfreich wäre, um die Digitalisierung fest in der katholischen Soziallehre zu verankern.

(Für alle, die sich eine allgemeine Einschätzung des ganzen Abschlussberichts wünschen, hat sich der BDKJ hier geäußert.)

Autor: Felix Neumann

Social-Media-Redakteur bei katholisch.de. Mitglied in der Expertengruppe Social Media der publizistischen Kommission der Deutschen Bischofskonferenz und im Vorstand der Gesellschaft katholischer Publizisten (GKP). Zuvor ehrenamtlich in verschiedenen Funktionen beim BDKJ und in der KjG, jetzt AG Digitale Lebenswelten. @fxneumann auf allen relevanten Netzen.

Ein Gedanke zu „Digitale Lebenswelten bei der Vorsynode und im Lehramt der Kirche“

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