Die App „#beimir“ – Leid und Erlösung digital?

Ist eigentlich das Smartphone das richtige Gerät, eine App das richtige Medium, wenn es um echte Beziehung geht? Wenn es existentiell wird? Wenn es um meinen Schmerz, mein Leid geht? Und um Jesus? Und sogar um sein Kreuz?

Klar, ist doch Alltag, das Gerät!“ vs. „Nein! Ist doch unwürdig für diese Fragen, das Ding!“ – etwa so sind die Feedbacks für die App #beimir des Ökumenischen Kreuzwegs der Jugend. Gut so! Das zeigt, dass es um die wesentlichen Dinge geht.

Der Jugendkreuzweg #beimir ist mit einer App digital unterwegs, weil das aus seiner Entstehung heraus gar nicht anders denkbar ist. Als es vor 60 Jahren mit dieser Gebetsbrücke los ging, ging es darum, die Mauer in Deutschland und Grenzen im Kopf zu überwinden, um miteinander auf dem Weg mit Jesus durch die Welt verbunden zu sein. Das ist bis heute so geblieben: Jedes Jahr nimmt dieser Ökumenische Kreuzweg der Jugend ein neues Wagnis auf sich, die Frage nach dem eigenen Leben und dem eigenen Leid mit der Frage nach dem Leidensweg Jesu und meiner Beziehung zu ihm mit neuen Bildern und Texten zu stellen. Jedes Jahr die Chance, unsere Kernbotschaft von Tod und Auferstehung neu zu erzählen: Dafür muss auch das Kerngerät unseres Alltagslebens ein Medium sein. Oder anders gesagt, wir müssen Menschen die Möglichkeit bieten, das Smartphone mit seiner Alltagsrelevanz auch zum Teil des eigenen, persönlichen Weges mit Gott werden zu lassen. Kernbotschaft für’s Kerngerät.

Schön ist die Nutzbarkeit der App, die das Digitale eröffnet: Im Modus Administrator‐Prayer gibt die App die Möglichkeit, die vorhandenen Texte von #beimir für die eigene Gebetsgruppe, die Multi‐Prayer, anzupassen, sie zu editieren, und wie auf den Bildern des Kreuzwegs eben mit der eigenen Gruppe durch die eigenen Lebensräume ganz real unterwegs zu sein. Und, apropos real: Weg mit dem Gegensatz zwischen „real“ und „virtuell“! Gerade bei der Frage nach Leid, Schmerz, echter Beziehung auch mit Jesus, zeigt sich an dieser App: Es gibt nicht zwei Welten, sondern eine, zu der eben physische und digitale Wirklichkeit gehören; weil es immer um das eine Erfahrungssubjekt geht – oder ganz schlicht, um einen Menschen und sein Herz.

Die andere schöne Option ist der Modus Single Prayer in der App. Schön, weil das nicht nur einen lässigen Gamification‐Begriffstransfer ermöglicht, sondern auch, weil der Modus in den früheren physischen Materialien gar nicht möglich war. Wenn ich als Teilnehmer zu einem Gebet des Jugendkreuzwegs gegangen bin und es war gut, war das tatsächlich eine Erfahrung, die mir „nur“ als Erinnerung blieb. Heute kann ich eben mit dem Single Prayer das Gebet auch mit in meinen persönlichen Alltag durch das ganze Jahr weiter tragen, weil darin die persönlichen Impulstexte des Jugendkreuzwegs enthalten sind, die Bilder, die coolere Version der Musik. Und ich kann sie so immer wieder mal nachbetrachten oder sogar zu einem Teil meines persönlichen regelmäßigen Gebetslebens werden lassen.

Digital ist der Kreuzweg auch deswegen, weil das schlicht zu der Ästhetik des Jugendkreuzwegs #beimir gehört: Die spielt ja mit StreetArt, mit einer Kunstform zwischen Öffentlichkeit und Gegenöffentlichkeit. Genau da ist auch die Frage nach den digitalen Lebenswelten gut aufgehoben, wenn es darum geht, dass die „Jugendlichen aller Generationen“ entgegen den Erfahrungen dieser Welt diese Botschaft als Wesenskern des eigenen Lebens entdecken; wenn es darum geht, offen zu legen, dass die Kreuzwegsituationen im eigenen Leben nicht das Ende sind, dass sie nicht einmal so bleiben müssen.

Und deswegen ist die App #beimir weder Ausdruck von pastoralem „Solutionismus“ (Evgeny Morozov) noch „Szientismus“ (die aktuell konsensfähigste Lebenshaltung), sondern schlicht pastorales Design, um Räume und Lebenswelten auch digital für mein Leid, mein Kreuz und für meine persönliche Glaubensbeziehung zu öffnen.

#beimir gibt es auch weiterhin in den bekannten Stores. Vor Ostern und nach Ostern, die Fragen bleiben ja. Die Hoffnung auch.

Autor: Alexander Bothe

Alexander Bothe ist Referent für Ministrantenpastoral und liturgische/kulturelle Bildung bei der Arbeitsstelle für Jugendseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz und Geschäftsführer und Redaktionsleiter des Ökumenischen Kreuzwegs der Jugend.

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