Digitale Lebenswelten, Teil 1 – von der publizistischen zur privaten Öffentlichkeit

Karte des Internets
Das Internet 2005 – so sah es damals aus.
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Alles Neuland, oder was? Worum geht es eigentlich, wenn von „Digitalen Lebenswelten“ die Rede ist? Ist alles anders? Ist alles so wie früher, nur mit mehr WLAN? Das Netz verändert die Gesellschaft – wie wir miteinander reden, was wir unter öffentlich und privat verstehen, wie wir uns organisieren. Im ersten Teil geht es um den Wandel der Öffentlichkeit: Nicht den von der Öffentlichkeit ohne Netz zur vernetzten – sondern darum, wie sich die vernetzte Öffentlichkeit noch einmal verändert.

Zur Öffentlichkeit scheint ihr Strukturwandel zu gehören – mindestens, seit Jürgen Habermas 1962 seine so benannte Habilitationsschrift veröffentlichte. Bei Habermas geht es um die Entstehung der modernen Massengesellschaft im Licht der Massenmedien. Eine gesellschaftliche Gemengelage, die sich für Habermas negativ abhebt von einer bürgerlichen, literarischen und kulturellen Öffentlichkeit der Salons, Kaffeehäuser und Diskussionszirkel des bürgerlichen Milieus.

An den Strukturwandel, den das Netz durch enorm gesunkene Transaktionskosten für Kommunikation bewirkt, konnte Habermas 1962 noch nicht denken. Aber es gibt Parallelen – was die Hoffnung auf demokratische Diskursräume angeht ebenso wie was seine Verfallsdiagnosen angeht.

Wie sich Kommunikation und damit Öffentlichkeit wandelt, wird schon an grundsätzlichen Begriffen deutlich. Paradigmatisch ist das etwa bei etwas scheinbar klar definiertem wie Datenschutz. Jugendliche und Erwachsene verstehen darunter sehr unterschiedliche Dinge: Bei Erwachsenen ist das eher technische Denken in Datensparsamkeit und Datenvermeidung nach wie vor wichtig. „Nichts ins Netz stellen“, private Informationen klar von öffentlichen oder öffentlich zugänglichen trennen. Jugendliche haben ein eher relationales Verständnis: Wichtig ist vor allem der Kontext, in dem eine Information öffentlich ist. Wichtig sind weniger technisch sichere Räume, sondern Freiräume gegenüber Eltern, Lehrer_innen und anderen Respektspersonen. Dass Kommunikation öffentlich zugänglich ist heißt für Jugendliche nicht, dass es auch angemessen und anständig ist, darauf zuzugreifen – das schildert die Soziologin danah boyd in ihren ethnographischen Studien jugendlichen Mediennutzungsverhaltens. Natürlich stellen Jugendliche private Dinge ins Netz, aber das heißt nicht, dass es sich gehört, darauf zuzugreifen.

Mittlerweile ist auch die Elterngeneration zumindest auf Facebook – und aus einem Freiraum wird ein geteilter Raum. Das gilt nicht nur für Jugendliche: Die gesunkenen Kosten für Kommunikation, die einfache maschinelle Durchsuchbarkeit, Verlinkbarkeit und Zugänglichkeit von Informationen durch Suchmaschinen und soziale Netze verändern technisch, was Öffentlichkeit bedeutet. Noch wirkmächtiger ist aber die schiere Menge der Menschen, die online sind und Kommunikationsdienste nutzen – früher war es eine Entscheidung, „online“ zu sein, heute ist das der Standardfall und „nicht online sein“ wird zur bewussten Entscheidung. „Online“ ist nicht mehr nur eine mediale Avantgarde, sondern alle. Das Netz wird immer mehr zum Spiegel der Gesellschaft – noch bevor sich verbindliche Normen und Umgangsformen ausgebildet haben.

Früher war mehr Netzöffentlichkeit

Damit werden auch die ursprünglichen technischen Modelle der Öffentlichkeit problematisch. Die ersten Generationen von Online‐Kommunikationsmedien waren geprägt von einer öffentlichen Zugreifbarkeit. In den Anfangszeiten galt dies für Chaträume, Foren und Blogs, mit dem Aufkommen erster Social‐Media‐Dienste auch für diese Plattformen: Facebook, Twitter, Instagram waren von ihrem Grundverständnis her immer quasiöffentliche persönliche Publikationsplattform, Privatsphäreeinstellungen kamen jeweils erst später dazu.

Die Euphorie, mit der das Netz als Chance für die demokratische Öffentlichkeit gesehen wurde, hängt auch damit zusammen: Jede_r kann plötzlich publizieren, Pressefreiheit ist nicht mehr nur die Freiheit derjenigen, die sich eine Druckerpresse leisten können. Doch anscheinend war es nur ein Übergangsphänomen, Kommunikation unter dem Paradigma des Publizistischen zu organisieren. Bloggen ist nie die demokratische Massenbewegung geworden, wie es sich Netz‐Optimisten erhofft hatten. Stattdessen gibt es einen Rückzug ins Private, in technisch geschlossenere Räume. Messenger‐Dienste wie WhatsApp haben enorme Wachstumsraten, der derzeit am stärksten gehypte Dienst Snapchat ergänzt zur privaten Kommunikation zwischen einzelnen oder kleinen Gruppen zusätzlich noch die Flüchtigkeit seiner Nachrichten: Einzelne „Snaps“ vernichten sich nach wenigen Sekunden selbst, Screenshots werden zumindest erschwert.

Natürlich: Immer noch sind Massenkanäle wichtig; Jugendliche folgen zu hunderttausenden den persönlich gehaltenen Kanälen von YouTube‐Stars. Facebook ist eine wichtige gesellschaftliche Infrastruktur, über die sowohl Katatrophenschutz und Flüchtlingshilfe wie Volksverhetzung und Propaganda ermöglicht wird. Selbst Twitter ist trotz verhältnismäßig geringer Nutzerzahlen nicht zuletzt durch den US‐Präsidentschaftswahlkampf ein nicht mehr wegzudenkender Kanal der politischen Kommunikation.

Diese Massenkanäle haben aber auch wenig zu tun mit den Hoffnungen der 2000er auf die digitale Demokratie. Die ursprüngliche Euphorie ist mittlerweile der Sorge um die Verrohung des politischen Diskurses und dem Erstarken nationalistischer, fremdenfeindlicher Kräfte gewichen. In einer gewissen Weise wurde zwar tatsächlich der erhoffte partizipative Aufbruch erreicht – aber sehr anders als gedacht. „Ihr werdet euch noch wünschen, wir wären politikverdrossen“, lautete 2009, einem Höhepunkt der Piratenpartei‐ und Netzdemokratie‐Euphorie, ein vielzitierter Tweet. Doch die cyberlibertäre Piratenpartei blieb Episode, politisch bemerkbar machen sich andere Kräfte.

Zum zweiten Teil: Rahmen für Verbände, Rahmen für den Diskurs

(Der Beitrag erschien zuerst unter dem Titel „Die Veränderung der öffentlichen Kommunikation“ in Das Baugerüst, der Zeitschrift der Evangelischen Jugend Bayern)

Autor: Felix Neumann

Social-Media-Redakteur bei katholisch.de. Mitglied in der Expertengruppe Social Media der publizistischen Kommission der Deutschen Bischofskonferenz und im Vorstand der Gesellschaft katholischer Publizisten (GKP). Zuvor ehrenamtlich in verschiedenen Funktionen beim BDKJ und in der KjG, jetzt AG Digitale Lebenswelten. @fxneumann auf allen relevanten Netzen.

3 Gedanken zu „Digitale Lebenswelten, Teil 1 – von der publizistischen zur privaten Öffentlichkeit“

  1. Hallo Felix,
    ein schöner Text, allerdings bleiben bei mir zwei Fragen.
    1. Welche Zielgruppe hat der Text denn, Kinder und Jugendliche kann ich mir schwer vorstellen?
    2. Gibt es auch Quellenangaben zu den Behauptungen die extra fett gedruckt sind?

    1. Die Zielgruppe der Zeitschrift, in der er zuerst erschienen ist, sind Verantwortliche in der Jugendarbeit. Mein Ziel damit ist, an der innerverbandlichen Meinungsbildung mitzuwirken, vor allem mit Blick auf die Ebenen, die politische Vertretungsarbeit machen. Da ist es mir wichtig, dass nicht ein „erwachsenes“ Mediennutzungsverhalten allein als Grundlage genommen wird, sondern das von Kindern und Jugendlichen.

      Als weiterführende Lektüre empfehle ich dazu – neben den üblichen Jugendstudien (JIM, Sinus‐Studien …) vor allem die Ethnologin danah boyd, die das Mediennutzungsverhalten von Kindern und Jugendlichen erforscht. Immer noch lesenswert ist das 2014 erschienene „It’s Complicated: The Social Lives of Networked Teens.“, in dem die unterschiedlichen Wahrnehmungen von Jugendlichen und Erwachsenen in Bezug auf Öffentliches und Privates gut herausgearbeitet werden. Quantitativ zeigen diverse Mediennutzungsstudien (auch hier wieder u.a. JIM), daß „private Öffentlichkeiten“ von Messengern bei Jugendlichen einen stetig wachsenden Anteil an der Kommunikation haben, während „publizistische Öffentlichkeiten“ (wo womöglich auch noch die Eltern sind!) wie Facebook stagnieren oder, wie wiederum boyd sagt, einfach nicht mehr sexy sind.

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