Lebenszeichen einer Kirche #anvielenorten

Pastoraler Entwicklungsprozess? Das klingt nach viel trockener Gremienarbeit und nach noch viel mehr Papier. Kann, muss es aber nicht, wie der Erfahrungsbericht von Wolfgang Müller zeigt. Aus seiner Jugendkirchenzeit hat er etliche Ideen mit ins Rottenburger Ordinariat geschmuggelt und probiert dort den Übertrag des Entwicklungsprozesses in die digitale Welt. Damit fällt er auf und bringt so manches in Bewegung.

In seinem Gastbeitrag auf unserem BDKJ‐Blog blickt der Theologe auf seine Erfahrungen.

Die Kirche von heute ist eine Kirche an vielen Orten“ – so lautet eines der Entwicklungsziele, die wir in der Diözese Rottenburg‐Stuttgart formulieren. Dahinter steckt der auf fünf Jahre angelegte Entwicklungsweg „Kirche am Ort – Kirche an vielen Orten gestalten“, den wir von 2015 bis 2020 in allen Seelsorgeeinheiten, aber auch auf Dekanats‐ und Diözesanebene gehen.

Für gewöhnlich lesen die Engagierten nur den ersten Teil. „Kirche am Ort“, das klingt nach „Kirche im Dorf“ und das gefällt nicht nur den Schwaben. Mit dem zweiten Teil tun sich viele (noch) schwer. Dabei ist das der weitaus interessantere Teil. Aber wie schon damals bei den Kundschaftern, die Moses ins Gelobte Land vorausgeschickt hatte (Numeri 13) sind nicht alle begeistert von dem, was im „Neuland“ wartet.

Für mich besteht dieses Neuland auch und gerade in den neuen Lebenswelten, allem voran den digitalen. Ok, aus meinen Jugendkirchenzeiten hab ich noch manches ins Bischöfliche Ordinariat gerettet, was mich hier hip (macbook) und trendig (360‐Grad‐Kamera auf dem iPhone) macht. Noch immer lassen sich bei kirchens Effekte erzielen mit Sachen, die bei den meisten „normalen“ Menschen längst selbstverständlich sind.

Ich werde hier natürlich nicht alle meine Geheimnisse ausplaudern (schließlich will ich von diesen Effekten ja noch einige Zeit profitieren …;-); aber immerhin gibt es schon ein paar, die in facebook, Whatsapp, Instagram oder Youtube nicht mehr nur die Vorzimmer zur Hölle sehen.

Dabei sind gerade das die Orte, an denen sich das Leben in all seiner Fülle zeigt. Und spätestens dann ist es ein Ort für Jesusnachfolgerinnen und -nachfolger. Allerdings teile ich da zusammen mit einigen anderen das Los unseres Gründers. Der sah sich auch mit einigem Kopfschütteln konfrontiert, als er sich an Orte begab, die seine Umwelt als nicht gerade standesgemäß für einen Sohn Gottes betrachtete.

Natürlich bin ich Lichtjahre vom Status eines Gottessohnes entfernt. Als einfaches Kind Gottes aber zieht es mich gerne auch dorthin, wo Leben und Lebendigkeit atmet. Gerade das digitale Netz ist voll davon. Auf Facebook bin ich offiziell und persönlich unterwegs. Unter https://www.facebook.com/kircheamort/ sammle ich so ziemlich alles, was aus meiner Sicht die Kirche #anvielenorten ausmacht: bunt, unterschiedlich, vielfältig, unfertig, suchend, findend …

Als Wolfgang Francesco zeige ich mich persönlich und mische mich auch gerne mal ein. Das tun wir (damit meine ich uns lebendige Christinnen und Christen) einfach noch viel zu wenig. Vor allem beklage ich, dass es uns nicht gelingt, uns im Netz zu vernetzen. Schon witzig: Da sind wir mal als Menschenfischer berufen worden, aber inzwischen macht uns alles, was mit Netzen zu tun hat, irgendwie Angst.

Dabei ist und bleibt es meine Aufgabe als Nachfolger, die Liebe Gottes in meinem Leben und im Leben anderer zu entdecken. In Rottenburg nennen wir das „das Evangelium in den Lebenswirklichkeiten der Menschen entdecken“.

Das lebe ich beruflich und privat derzeit sehr gerne in der espresso.church aus. Zusammen mit der Fotografin Angelika Kamlage suchen wir in alltäglichen Bildern die spirituelle Dimension und machen dazu möglichst alltagstaugliche Texte. Über Whatsapp versenden wir unsere Impulse, die wie ein Espresso für die Seele sind: klein, stark, leidenschaftlich.

Die bisherige Erfahrung zeigt: Es werden mehr! Das macht mir Mut. Allerdings weiß ich auch, dass das Neue selten im Alten entsteht. Bis auf die „Wurzel Jesse“, aus der die neue Religion des Jesus von Nazareth entsprang. Aber auch damals waren die „Alten“ keineswegs begeistert …

Wolfgang Müller ist Referent in der Hauptabteilung Pastorale Konzeption des Bischöflichen Ordinariats in der Diözese Rottenburg‐Stuttgart. Sein Schwerpunkt liegt auf dem Thema Kommunikation im Entwicklungsprozess „Kirche am Ort – Kirche an vielen Orten gestalten“ und auf innovativen Entwicklungen von Kirche. Von 2011 bis 2015 entwickelte er in Ludwigsburg die Jugendkirche DA.

Autor: Wolfgang Müller

Wolfgang Müller ist Referent in der Hauptabteilung Pastorale Konzeption des Bischöflichen Ordinariats in der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Sein Schwerpunkt liegt auf dem Thema Kommunikation im Entwicklungsprozess „Kirche am Ort - Kirche an vielen Orten gestalten“ und auf innovativen Entwicklungen von Kirche. Von 2011 bis 2015 entwickelte er in Ludwigsburg die Jugendkirche DA.

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