Bayerisches Landeskomitee: „Menschlich unterwegs in der digitalen Welt“

Das Landeskomitee der Katholiken in Bayern ist dem BDKJ zwei Wochen zuvor gekommen und hat eine digitalpolitische Stellungnahme beschlossen: „Menschlich unterwegs in der digitalen Welt“. Das Ziel: Ethische Kriterien für die Digitalisierung formulieren. In der Einleitung wird die Motivation beschrieben: „Als Christinnen und Christen wollen wir uns an der Idee der Gerechtigkeit orientieren und die Entwicklung der verschiedensten Aspekte aktiv begleiten.“
Landeskomitee der Katholiken in Bayern
Das ist ganz gut gelungen. Auf der Grundlage der katholischen Soziallehre werden einige Felder abgesteckt: Arbeitswelt 4.0 in den Ausprägungen „Arbeitsschutz und Arbeitszeit“ und „Bildung und Ausbildung“, Wirtschaft und Digitalisierung, Politik und Gesellschaft, Debattenkultur in den Medien sowie Kirche und digitale Öffentlichkeit.

Digitale Welt statt digitaler Dualismus

Der grundsätzliche Ansatz ist sinnvoll: Es wird von einer „digitalen Welt“ ausgegangen; romantisch‐reaktionäre Wünsche, irgendwie die Zeit zurückdrehen zu können oder eine scharfe, dualistische Trennung zwischen „virtuell“ und „echt“ werden nicht verwendet, nur einmal am Schluss scheint das kurz auf: „Die Sehnsucht nach Sinn und ethischen Grundsätzen haben hier eine ebenso große Bedeutung wie in der analogen Lebenswelt.“

Methodisch nimmt die Stellungnahme auf die katholische Soziallehre Bezug: So betont etwa der Abschnitt zu Arbeit 4.0, ohne das allzu explizit zu machen, den Vorrang der menschlichen Arbeit vor sowohl dem Kapital wie auch vor Automatisierungsprozessen und Software; das ist eine zeitgemäße Neuformulierung der Position Johannes Pauls II. in der Sozialenzyklika „Laborem Exercens“. Mit dem Subsidiaritätsprinzip wird für Eigenverantwortung, Vertrauen und sinnvoll flexibilisierte Arbeitsverhältnisse und gegen Überwachung und Kontrolle argumentiert: Es „legt nahe, Entscheidungen so dezentral wie möglich zu treffen, indem die kleineren Einheiten unterstützt und in die Lage versetzt werden, Verantwortung zu übernehmen.“

Digitale Lebenswelten sind relevant

Um Jugendthemen geht es vor allem im Abschnitt über Bildung und Ausbildung. Dort wird zwar der problematische, weil allzu inflationär und bedeutungsarm benutzte Begriff „digital native“ verwendet, aber durchaus sinnvoll gefüllt: Das Aufwachsen mit Digitalität wird nicht primär als Kompetenzvermutung aufgefasst, sondern als Rahmenbedingung, die es zu gestalten gilt – und zwar nicht, indem die Jüngeren sich den Gebräuchen der Älteren anpassen, sondern indem Bildungsprozesse stetig reflektiert werden: „Für die Ausbildung junger Menschen wird künftig die Fähigkeit der pädagogischen Lehrkräfte und der fachwissenschaftlichen Experten an Bedeutung gewinnen, die sich laufend ändernden Anforderungen zu erkennen, sich ihnen zu stellen und sie zu meistern.“ Vorkenntnisse der jungen Menschen sollen für die Ausbildung fruchtbar gemacht werden.

Im Abschnitt über Debattenkultur wird zurecht zur Kenntnis genommen, dass Online‐Debatten auch für Ältere relevant sind – das ist nicht selbstverständlich und durchaus ein Fortschritt in der Formulierung von solchen Papieren, die manchmal heute noch Digitalisierung als etwas ansehen, das Jüngere angeht, und das mit Blick auf Ältere vor allem mit einem „Recht auf Offline‐Sein“ unter Teilhabe‐Aspekten argumentiert. (So etwa noch implizit das Papier des ZdK von 2013.)

Weitere Themen

Darüber hinaus gibt es natürlich die Klassiker: Netzneutralität, Versorgung des ländlichen Raums – gut, dass das selbstverständlich zum Forderungskatalog gehört, schlecht, dass man das nach all den Jahren immer noch fordern muss. In Sachen „Fake News“ und Debattenkultur ist das Landeskomitee auf dem Kurs des Papstes, der ähnlich wie die bayerischen Laien vor allem auf Medienbildung, verantwortliches Handeln und kluge Unterscheidung setzt.

Sinnvoll ist in jedem Fall die Feststellung, dass es in der Kirche zwar Pionier*innen in der digitalen Kommunikation gibt, es aber an einer bundesweiten Kommunikationsstrategie fehlt bei gleichzeitiger Stärkung der kommunikativen Kompetenz in der Breite und lokal.

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Autor: Felix Neumann

Social-Media-Redakteur bei katholisch.de. Mitglied in der Expertengruppe Social Media der publizistischen Kommission der Deutschen Bischofskonferenz und im Vorstand der Gesellschaft katholischer Publizisten (GKP). Zuvor ehrenamtlich in verschiedenen Funktionen beim BDKJ und in der KjG, jetzt AG Digitale Lebenswelten. @fxneumann auf allen relevanten Netzen.

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