Klicktipp: Digitale Bildungspolitik: Der Staat kommt seinen Aufgaben und Pflichten nicht nach

Schule
(„Schule“, onnola, CC BY-SA 2.0)

Oh je – Großkonzerne wollen in die Schulen! Werbung! Profit! Das war in etwa der Tenor eines Artikels bei Spiegel online über digitale Bildungsinitiativen von Firmen wie Apple, Google und Lego.

Drüben bei Spreeblick nimmt Johnny Häusler den Artikel auseinander: Zu viel Empörung, zu wenig Blick auf die Ursachen. Seine Diagnose: Der Staat kommt seinen Aufgaben und Pflichten nicht nach.

Den Unternehmen könne man nämlich nicht vorwerfen, dass sie hier das Heft in die Hand nehmen. Stattdessen füllten die Unternehmen vielmehr ein Vakuum, das von einer wenig zeitgemäßen Bildungspolitik geschaffen wurde:

Und da in den letzten Jahrzehnten zu wenig von Regierungsseite unternommen wurde, um auf diese Nachfrage [nach digitaler Kompetenz] auch an den Schulen zu reagieren und Schüler_innen ihrem Auftrag gemäß auf das Leben vorzubereiten, agieren halt Wirtschaft nebst Eigeninitiativen.

Der Staat kommt seinen Aufgaben und Pflichten nicht nach“, wiederholt Johnny immer wieder – das gelte nicht nur für zukunftsweisende Themen, sondern für die Bildungspolitik in der Breite:

Seit vielen Jahren gibt es zu wenig Personal an Schulen (dabei geht es nicht allein um Fragen der digitalen Bildung, sondern zum Beispiel auch um personell unterbesetzte Integrationsklassen) und nicht genug Fortbildung für die völlig überlasteten Lehrkräfte, die immer mehr Aufgaben in immer kürzerer Zeit leisten sollen. Es gibt keine ausreichende technische Infrastruktur, manchmal nicht einmal Internetzugang an Schulen. Wie auch, wenn es nicht einmal genug Geld gibt, um auch nur die Schulgebäude instand zu halten?

Und das ist dann auch der Ansatzpunkt, um das Engagement von Unternehmen kritisch zu beleuchten. Nicht, weil das „Werbung“ wäre; das haben Firmen wie Apple, Microsoft, Google, Lego in dieser Zielgruppe kaum nötig – viel dramatischer sei es, wenn solche Prozesse zu einer Zweiklassengesellschaft führen:

Was Google, Facebook, Apple und sogar Netflix und wie sie alle heißen tatsächlich tun werden, ist keine Werbung. Sondern Bildung nach ihrer Fasson. Sie werden eigene Schulen bauen, mit eigenen Lehrplänen, eigener Software und eigenen Zielen. Und Eltern, die sich darum sorgen, dass ihr Nachwuchs den Anschluss an die echte Welt verliert und zu Beamten statt zu kreativen Köpfen erzogen wird, werden mit ihren Kindern in Scharen dorthin rennen. Wenn sie es sich leisten können. Und diejenigen Kinder, deren Eltern es sich nicht leisten können, werden in den staatlichen Ruinen über zwanzig Jahre alten Büchern hocken. Und wenn ihr denkt, wir hätten heute ein Problem mit ungerecht verteilten Bildungschancen, dann wartet mal noch zehn, fünfzehn Jahre ab und euch wird die heutige Bildungswelt rückblickend fair vorkommen.

Selbst, wenn man dieses Zukunftsszenario für übertrieben pessimistisch hält (warum sollte der Zugang über Kosten für die Schüler*innen künstlich verknappt werden, wenn viele dieser Unternehmen ohnehin Geschäftsmodelle haben, in denen sie einiges kostenlos abgeben, um ihre Plattform zu stärken und anderswo die Gewinne zu machen?) – die Kernfrage bleibt doch bestehen: Kann ein Gemeinwesen es sich leisten, bei einer solchen Kernaufgabe so eklatant zu versagen?

Aber lest selbst: Digitale Bildungspolitik: Der Staat kommt seinen Aufgaben und Pflichten nicht nach

Autor: Felix Neumann

Social-Media-Redakteur bei katholisch.de. Mitglied in der Expertengruppe Social Media der publizistischen Kommission der Deutschen Bischofskonferenz und im Vorstand der Gesellschaft katholischer Publizisten (GKP). Zuvor ehrenamtlich in verschiedenen Funktionen beim BDKJ und in der KjG, jetzt AG Digitale Lebenswelten. @fxneumann auf allen relevanten Netzen.

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