Von der Zeitungsecke zur WhatsApp-Gruppe: Konferenzkommunikation

BuKo Online 1999
Kai Philippsen, BuKo Online, an einem der Desktop-Rechner, die eigens im Keller von Haus Altenberg aufgestellt wurden.
Foto: BuKo Online 1999

Über 15 Jahre lang habe ich KjG-Bundeskonferenzen miterlebt: Über Verbandsmedien, als Delegierter, später mit Ämtern im Bundesverband, schließlich in der Berichterstattung darüber und ganz zum Schluss als Moderator der Konferenz. Medial ist in dieser Zeit von 2002 bis 2017 einiges passiert.

  • Delegierte am Rechner, BuKo 1999
    Anscheinend durften gelegentlich doch ein paar einfache Delegierte an die Rechner.
    Foto: BuKo Online 1999

    Ab 1999 gab es die erste Onlineberichterstattung – auf einer ziemlich statischen Webseite wurden Wahlergebnisse, Beschlüsse und ein paar Bilder schon während der Konferenz online gestellt; Zugang für die Teilnehmer*innen der Konferenz war nicht vorgesehen, nur die Redaktion hatte entweder im Büro des Tagungshauses oder über mitgebrachte Desktoprechner Zugang. Was draußen in der Welt geschah, erfuhr man morgens aus Tageszeitungen: Für die Zeitungsecke wurden Konferenzabos der wichtigsten Tageszeitungen abgeschlossen. Der IRC-Channel war während der BuKo sehr ruhig: Die Leute, die dort üblicherweise chatten, waren ohne Netz, da auf der BuKo. (Auf der Kontakt-Seite von Buko Online stand, man könne es abends im Chat probieren.) Auf der Konferenz blieb man per kopierter und abends verteilter Zeitung über Gossip informiert – die INFAB („interessante Neuigkeiten für alle Bukoteilnehmerinnen“) wurde vom Redaktionsteam der Verbandszeitschrift, die auch für BuKo Online zuständig waren, produziert. (Die Zeitungsecke wurde irgendwann nach 2010 abgeschafft, die Bierzeitung – unter neuem Namen – gibt’s noch heute.) (Kai Philippsen, erst BuKo Online, später auch Infam, hat mich darauf hingewiesen, daß es ein wenig anders war – siehe unten.)

  • Kurz nach 2002 gab es in der Zeitungsecke das erste Mal für einfache Konferenz-Teilnehmende Netz: Ein paar Netzwerkkabel wurde über hunderte Meter vom Tagungshausbüro vor den Tagungsraum gezogen; der Zugang war langsam und kompliziert (WTF ist ein SOCKS-Proxy?), im Tagungsraum gibt es kein Internet, niemand vermisst es. Von den gut 150 Anwesenden hat höchstens eine Handvoll einen Laptop dabei. Gelegentlich werden Menschen in der Internet-Ecke gefragt, ob man kurz auf die eigenen Mails schauen darf.
  • Das ändert sich bald; vor allem billige und kompakte Geräte wie die ersten Aldi-Laptops, etwas später Eee-PCs, sorgen für eine höhere Durchdringung. Auch wenn alles eine Netzwerkbuchse hat: Nach wie vor hat kaum jemand den Bedarf, die Internet-Ecke zu benutzen; Laptops werden benutzt, um Anträge zu schreiben. Der Netzbedarf wird bis 2009 immer größer, der Zugangswunsch auch. Mobile Netze sind aber schneller verfügbar als WLAN im Konferenzraum; das erste iPhone 2007 hat einen Schub an verfügbaren Geräten ausgelöst.
  • Ab ca. 2009 ist Twitter konferenzbegleitendes Medium; das führt zu interessanten Lernprozessen, mit digitaler Öffentlichkeit und Liveberichterstattung umzugehen, und auch zum einen oder anderen Skandal durch unpassende Witze auf Twitter. Mobile Zugänge sind selbstverständlich, WLAN wird langsam erwartet, ist aber sehr langsam, alle haben Laptops dabei. Berichterstattung wird nicht mehr nur von Verbandszeitung gemacht, es gibt ein eigenes BuKo-Online-Team, das soziale Medien bedient.
  • Um 2014 ist Twitter immer weniger relevant; stattdessen findet die Guerilla-Berichterstattung mit einem Tumblr-Blog, das aktuelle Memes aufgreift („You really live in …“). Wenige Eingeweihte haben Zugänge, alle lesen. Kommunikation findet auch über eine Facebook-Gruppe und diverse Messenger statt. Auch die Konferenztechnik wird langsam modernisiert; wo vorher Word- und Powerpointdateien auf Sticks und per Mail verteilt werden, ersetzen nun verschiedene Cloud-Lösungen die Dateischieberei: Eine Owncloud-Instanz für Dateien, das von den Grünen übernommene „Antragsgrün“ die Antragsverwaltung.
  • Der Konferenz-Tumblr hat keine Zukunft, die Leute mit Zugangsdaten sind nicht mehr da. Ab ca. 2016 findet die Guerilla-Berichterstattung/Konferenzbegleitung/konferenzbegleitende Unsinnskommunikation vor allem über WhatsApp-Gruppen statt, die von Eingeweihten verwaltet werden und in die ausgewählte Leute je nach Region, Humor und Kommunikationsanliegen aufgenommen werden.

Mehr verbandliche Technik-Archäologie gibt’s im Techniktagebuch

Ergänzung, 28. August, 15.15 Uhr: Kai erzählt

Kai Philippsen (oben auch auf dem Bild) erinnert sich aus dem Blickwinkel von BuKo-Online an die frühen Jahre – und es stellt sich heraus: Was ich als Delegierter am Freiburger Tisch mitbekommen habe, ist nur ein kleiner Ausschnitt. Das berichtet Kai:

Die Zusammenarbeit mit der INFAM gab es erst einige Jahre später, nachdem man mich erfolgreich für die Redaktion umworben hatte. Vorher war es oft ein Spagat in ziemlichem Einzelkämpfertum sowohl über die Buko zu berichten als auch der Meinung vieler Delegierter zu entsprechen, dass man gleichzeitig auch noch alle ihre Computerprobleme lösen oder zum Konferenzende beim Einstellen der letzten Anträge den PC räumen könnte, damit sie mal eine Zugverbindung raussuchen können, mit der Abreise war ja nicht vorher zu rechnen. Jemanden dazu zu nehmen, der sich allein um eine gute Infrastruktur kümmert, war ein viel zu spät gegangener Schritt. Es war aber klar nicht so, dass niemand den Internetzugang vermisst hätte.

Ich werde nie vergessen, wie in dem ersten Jahr, in dem Eichstätt auf eigene Initiative ein Netzwerkkabel von unten in den Saal verlegte und von dort weiterverteilte mit dem Effekt, dass die ganze Delegation und weitere angeschlossene faktisch die ganzen Sitzungen über nur noch auf die Laptops schauten und mehrmals ermahnt wurden, nicht zu stören und lieber der Konferenz zu folgen, Tobias auf die eigentlich richtige Idee kam, dass bei Personaldebatten die Öffentlichkeit ausgeschlossen ist und somit konsequent das Kabel für den Saal rauszog. Der gellende Aufschrei bis in den Keller hörbar hatte mit „nicht vermisst“ wahrlich nichts zu tun. Ich weiß auch noch, wie das erste mal ein Handy während der Buko klingelte und sich niemand darüber aufregte, weil bevor die anderen Netzbetreiber neue Masten bauten nur E‑Plus im Saal in Fensternähe knapp verfügbar war. Die einhellige Reaktion war ein neidisches „Boah, der hat Netz!“.

Die Personen, die du mit „1999 durften sie doch auch mal an den Computer“ betitelt hast, waren ein typisches Phänomen der ersten Jahre. Viele verließen sich darauf, dass in Buko Online zeitnah alles steht, was passiert ist, besonders Beschlüsse und Wahlergebnisse, also schliefen TN gerne mal aus oder gingen während der Konferenz Kaffee trinken, um dann an den zwei im Saal verfügbaren PCs eben schnell nachzulesen.
Also nicht jede technische Entwicklung war der Arbeit an sich nüchtern betrachtet wirklich zuträglich. ;)“

Autor: Felix Neumann

Social-Media-Redakteur bei katholisch.de. Mitglied in der Expertengruppe Social Media der publizistischen Kommission der Deutschen Bischofskonferenz und im Vorstand der Gesellschaft katholischer Publizisten (GKP). Zuvor ehrenamtlich in verschiedenen Funktionen beim BDKJ und in der KjG, jetzt AG Digitale Lebenswelten. @fxneumann auf allen relevanten Netzen.

Ein Gedanke zu „Von der Zeitungsecke zur WhatsApp-Gruppe: Konferenzkommunikation“

  1. Liest sich sehr interessant! Allerdings waren wir zumindest damals™ seitens des KLJB-Bundesverbandes schon weiter: Dez. 1996 erste Website, Feb. 1997 Vorstellung der Website in der Bundesversammlung (BV), ab BV 1998 immer auch ein Online-PC für die Delegierten. Zumindest bis 2004 – so lange war ich (seit 1988) bei den BVs vor Ort mit dabei.

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